Biertasting bei Kraft Bräu: Ist das Reinheitsgebot noch zeitgemäß?

Die Biertastings bei Kraft Bräu im Trierer Blesius Garten sind für mich immer eine willkommene Gelegenheit, Bierfreunde in Trier zu treffen und ein wenig mit Brauer Sebastian Nguyen fachzusimpeln. Meine Meinung zur Frage, ob das Reinheitsgebot noch zeitgemäß sei, ist ziemlich eindeutig, um so gespannter war ich auf die Ausführung von Sebastian, der bekanntlich leidenschaftlich Biere im Rahmen des Gebotes braut.

Es war spannend zu sehen, anhand welcher Biere Sebastian seine Interpretation des Reinheitsgebots aufbaute, die mehr in Richtung eines Natürlichkeitsgebots geht. Präsentiert wurden Biere, die teilweise streng nach dem Reinheitsgebot gebraut wurden, andere dagegen gönnten sich die Freiheit, die vor allem Brauer im Ausland haben. Gemeinsam war allen Bieren, dass sie auf künstliche Zusatzstoffe verzichten, Elemente, die durch das derzeitige Reinheitsgebot, genauer gesagt durch das gültige “Vorläufige Biergesetz” von 1993 und die Bierverordnung von 1990, sogar erlaubt wären. Und hier liegt der Hauptkritikpunkt an der derzeitigen Gesetzeslage, denn die Heilige Vierfaltigkeit von Wasser, Malz, Hopfen und Hefe ist mittlerweile längst nicht mehr das Einzige, was noch ins Bier fließen darf.

Konsumenten und gewissenhaften Produzenten ist es nur schwer zu vermitteln, warum natürliche Rohstoffe (Zucker, Kaffee, Schokolade, Gewürze) nicht erlaubt sind, während beispielsweise Kunststoffe genutzt werden dürfen, um das Bier zu filtern. Dazu kommt noch ein deutlicher Wettbewerbsnachteil für die deutschen Brauer, die Biere, die abseits der bestehenden Regeln gebraut werden, nicht Bier nennen dürfen. Braut man dasselbe Bier im Ausland und exportiert es nach Deutschland, gelten die Regeln nicht, dann darf Bier auch Bier heißen. Verrückt.

Ein Bier wie das Liefmans Fruitesse, im Blesius Garten als Aperitif serviert, das in Belgien mit vielen roten Früchten eingebraut wurde, würde in Deutschland so natürlich nicht genehmigt werden. Doch auch unter Einhaltung des Reinheitsgebots lassen sich mit den erlaubten Zutaten vielfältige Aromen ins Bier bringen, das kreative Spiel aus Hopfen, Malz und Hefe erlaubt eine Vielfalt, die noch längst nicht ausgeschöpft ist. Vor allem über die Hefe, lange so etwas wie das Stiefkind im Brauwesen, lassen sich viele Elemente ins Bier bringen, die lange undenkbar waren. Waren in den letzten Jahren vor allem fruchtig-bittere hopfenbetonte Biere im Fokus der Kreativbrauer, sind viele jetzt auf der Suche nach neuen Hefestämmen, um den Bieren einen speziellen Twist zu geben.

Bei Kraft Bräu versucht man mit eben diesen Mitteln spannende Biere jenseits des Mainstreams zu erzeugen, aber mit dem double präsentierte der Braumeister ein Bier, was durch den Zusatz von Zucker außerhalb des Reinheitsgebots hergestellt wurde. Das Hapuna Beach dagegen war im Rahmen des Gesetzes ein angenehm malziges IPA mit dezentem Pfirsisch- und Aprikosenaroma. Spannend wurde es am Ende mit dem in Laphroaig-Whiskyfässern gereiften Adventsbock, der zur Feinabstimmung mit dem normalen Bock verschnitten wurde, um das Torfaroma nicht zu dominant werden zu lassen. Nicht jedermanns Sache, für mich das Highlight des Tastings.

Neben den eigenen Bieren präsentiert Sebastian gerne auch Biere von befreundeten Brauern. So auch zwei Biere von Kuehn Kunz Rosen aus Mainz, die auch immer beim im Oktober stattfindenden Trierer Bierfestival vor Ort sind. Mit dem Mainzer Pils bewegt man sich mit einem sehr traditionell interpretierten Pils voll im Rahmen des Reinheitsgebots, während das Kuehnes Blondes, ein belgisches Wit, durch den Zusatz von Koriander und Paradieskörnern sowie Haferflocken und Weizenflocken durch das Raster fällt.

Zum Dessert wurde mit dem Broken Dream Breakfast Stout von Siren ein durch die Zugabe von Laktose sehr cremiges Bier mit Kaffeearomen serviert, das wunderbar zur Crème brûlée mit Orangen-Schokoeis passte. Überhaupt sind die Tastings im Blesius Garten ein Fest für Feinschmecker, denn zu den Bieren gibt es ein korrespondierendes Menü. Diesmal gab es eine trierisch-orientalische Vorspeisenvariation sowie eine Schweinerippe im Biersud mit Kartoffelpüree.

Viele Teilnehmer werden nach dem Abend sicherlich anders über das Reinheitsgebot denken. Und auch Sebastian machte deutlich, dass für ihn das Reinheitsgebot in dieser Form nicht mehr zeitgemäß ist. Sein Plädoyer für ein Natürlichkeitsgebot kann ich nur unterschreiben. Und für kundige Käufer ist es letztendlich sowieso irrelevant, ob auf der Flasche nun Bier steht, oder nicht.

Die nächsten Tastings finden an folgenden Terminen statt:

15./16. März: Die Top 10 der letzten Jahre
11. Mai: Schneider Weisse
07./08. Juni: Bier & Steak 3.0
13./14. Juli: Das Biermenü
13.–15. September: New England Styles
23./24. November: Jule ØI – Winterbiere

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