“Stärk antrinken” – Tradition geht digitale Wege

Wir leben in merkwürdigen Zeiten und selbst althergebrachte Bräuche müssen neue Wege finden. Organisiert von der Brauerei Zwanzger wurde die fränkische Tradition des “Stärk antrinkens” dieses Jahr im Rahmen eines Online-Tastings fortgeführt, an dem etwa 70 Bierfreunde nicht nur aus dem Frankenland teilnahmen. Verkostet wurden zwölf Bockbiere von zehn Brauereien, eins für jeden Monat des neuen Jahres.

Tasting Stärk antrinken

Stärke sammeln für das neue Jahr

Die Tradition des “Stärk antrinkens” ist in Oberfranken schon seit etwa zwei Jahrhunderten überliefert, einen genauen Ursprung kann man aber nicht rekonstruieren. Am 5. oder 6. Januar findet man sich in den Gasthäusern der Region zusammen und wappnet sich für das kommende Jahr, indem man für jeden der kommenden Monate gemeinsam ein Bier trinkt. Um dem besonderen Anlass gerecht zu werden, brauen viele Brauereien kräftige Bockbiere ein, die durch ihre Stärke den Abend zu einer besonderen Herausforderung machen dürften.

Funktioniert das online?

Allein deshalb war es sicher eine gute Idee, das diesjährige Onlineevent auf zwei Abende zu verteilen, um jeweils sechs Biere miteinander zu verkosten. Die zwölf Biere wurden von den jeweiligen Brauern persönlich vorgestellt, sodass man also nicht nur einen schönen Einblick in die fränkische Biervielfalt bekam, sondern die Personen hinter den Bieren kennenlernte, wobei das ein oder andere sehr bekannte Gesicht dabei war. Organisiert wurde das alles von Christian Zwanzger, der mit sehr kreativen Bieren seit Jahren die Grenzen der Biertradition neu auslotet und selbst zwei Biere beisteuerte. Dadurch kamen zwölf sehr unterschiedliche Biere zusammen und zwei wirklich spannende Verkostungsabende mit vielen überraschenden Geschmackseindrücken, vor allem am zweiten Abend.

Autor Norbert Krines, einer der besten Kenner der fränkischen Bierkultur überhaupt, moderierte die Veranstaltung. Der Zeitplan mit rund 20 Minuten pro Starkbier war durchaus sportlich, insbesondere weil der Alkoholgehalt der Biere bis zu über 13 Prozent getrieben wurde. Aber gerade die Vielfalt an verschiedenen Bieren innerhalb der Bockbiere macht es auch für mich immer zu einer spannenden Erfahrung, diese Biere bei Tastings vorzustellen.

Der eher klassische Einstieg

Los ging der erste Abend mit einem sichtlich überraschten David Hertl, der es offenbar noch nicht so oft Gelegenheit hatte, gleich den Auftakt eines Events zu gestalten. Sein Oma‘s Betthupferl (Bock, 6,5 %) sollte dann tatsächlich eines der “normalsten” Biere sein: ein grundsolider, extrem gut trinkbarerer Bock, der alle Kriterien erfüllt, um noch einen oder zwei mehr davon zu trinken.

Weiter ging es mit dem Gastgeber. Christian Zwanzger hat seinem Ruf als Hopfenliebhaber mit dem Feierabend Bock (Bock, 6,5 %) alle Ehre gemacht. So besorgt er sich immer wieder neue Hopfensorten, um das Aromenspektrum in kleinen Suden zu testen. Dem Feierabend Bock hat er die mir bislang unbekannten Sorten Triskel und Petit Blanc beigegeben. Im schlanken Körper konnten sich mit kräftigen floralen Aromen voll entfalten. Spannendes Bier!

Danach wurde es dann tatsächlich etwas traurig, denn Ralph Hertrich präsentierte wohl zum letzten Mal eines seiner VETO-Biere. Vor einigen Jahren unter dem Motto “Gegen die Massenbierhaltung” gestartet, kamen seine Biere auch in meiner Region immer sehr gut an, aber leider geht es bei ihm nun nicht weiter. Von seinem Weisser Hai (Weizenbock, 6,8 %) stehen übrigens noch ein paar bei Edeka Haupenthal im Regal. Der kräftig gehopfte Weizenbock ist sehr frisch und süffig und daher wirklich nicht so friedfertig, wie er von außen erscheint. Ich werde die VETO-Biere auf jeden Fall vermissen.

 

Nun ging es in den Doppelbockbereich. Der Rolator (Doppelbock, 8,8 %) der Brauerei Kundmüller will seine Kraft gar nicht verstecken. Hier knallt nicht nur der Hopfen. Dieser ist aber sehr präsent mit intensiven Kräuternoten, die von Honig aufgefangen werden.

Für das vorletzte Bier des Abends heizte ich schon einmal den Stachel an. Der dunkle Doppelbock vom Brauhaus Döbler aus Bad Windsheim war am Ende mein Highlight des gesamten Tastings. Sehr rund, weich, mit einer leicht rauchigen Note und einer ordentlichen Bitterkeit hinten. Gestachelt wird das ganze noch einmal malziger, noch weicher, noch runder – einfach harmonisch. Das hat mir wirklich sehr gut gefallen.

Beim letzten Bier wurde die Schraube noch einmal etwas angezogen und der Alkoholgehalt stieg deutlich. Die 3 von der Tafelrunde sind ein von Hertl, Orca Brau und Freigeist erschaffener Barleywine Eisbock mit satten 11,5% Alkohol. Sebastian Sauer von Freigeist ließ es sich nicht nehmen, das Bier vorzustellen und, in diesem Fall nötig, etwas zu erklären. Durch den Wasserentzug verstärken sich die Aromen, die nun sehr intensives, vollgesogenes Dörrobst, eine kantige Kaffeeröstigkeit und eine feine Süße vereinen. Ein würdiger Abschluss eines tollen Verkostungsabends.

Bockbiere 2.0

Der zweite Abend sollte wirklich etwas verrückt werden, allein bei der Festlegung der Reihenfolge dürften sich die Macher ordentlich die Köpfe zerbrochen haben. Los ging es mit der Späthopfung von Christian Zwanzger, einem Bier, dem der Hopfen (Crystal, Fantasia und Azzaca) erst im Kaltbereich zugegeben wurde, gekocht wurde ohne jeden Hopfen. Das Ergebnis ist spannend, wenn auch mir persönlich einen Tick zu sauer. Der Gesamteindruck ist sehr herbal und ölig, aber um ehrlich zu sein, fehlen mir hier definitiv die Vergleichswerte, um das sinnvoll einordnen zu können.

Und es ging sehr hopfig weiter mit dem Amberella von Hechtbräu. Bernhard Hecht und sein Sohn haben sich die Arbeit etwas aufgeteilt, wodurch der Senior die eher klassischen Biere vertritt und der Junior die Craftbiere, unter deren eigenem Label das Amberella läuft. Es ist ein dry-hopped Amber Lager, kräftig gestopft mit australischem Ella-Hopfen. Der bringt sehr intensive tropische Aromen ins Bier, die sich schön mit dem kräftigen Körper verbinden. Ist ja schließlich ein Bock-Tasting! Für mich der Gewinner des Abends.

Und dass sich die Definition von Bock durchaus noch weiter dehnen lässt, bewies danach Felix vom Endt von Orca Brau mit seinem all we have is now (Milkshake IPA, 6,8 %). So sehr ich die Biere von Felix schätze, mein Favorit war das nicht, dafür war es mir persönlich etwas zu viel Milkshake. Pflaumen und Beeren kommen gut raus, Vanille ist auch sehr präsent, den Zimt hab ich irgendwie nicht gefunden.

Nun war es mal wieder Zeit für den Stachel. Karsten Buroh von der Craftbier-Manufaktur Eppelein & Friends aus Nürnberg präsentierte mit dem Allmächd einen dunklen Bock, der mit Whiskeymalz gebraut wurde.  Das “Light Peated” Torfmalz liefert eine feine, nicht besonders kräftige Rauchnote. Das Bier eignet sich somit sehr gut für Rauchbier-Einsteiger. Es ist betont malzig mit weichen Karamellnoten, die durch den Stachel noch einmal besonders betont werden.

In Sachen Alkohol waren wir an diesem Abend bislang eher moderat unterwegs, doch das sollte sich im Folgenden schlagartig ändern, denn mit Georg (Schorsch) Tscheuschner betrat eine wahre Starkbierlegende die virtuelle Bühne. Sein Rubin Bock gehört in mit 12,8 % Alkohol in seinem Portfolio quasi zu den Session-Bieren, seine letzte Kooperation mit Brewdog brachte es immerhin auf schlanke 57,8%. Dieses Bier hätte ich auf jeden Fall gerne noch etwas liegen gelassen, ich denke im Alter wird es noch etwas runder und sanfter. So ist hier aromatisch schon so einiges los mit Umami, Holz, Lakritz, roten Beeren und etwas Säure. Das Bier ist schon jetzt ausgezeichnet, aber wenn das noch etwas mehr zusammenfindet, wird das glaube ich noch eine Klasse besser.

Nun mag man sich wundern, warum nach diesem Bier nun wieder ein “leichter” einfacher Bock ins Programm genommen wurde, aber der Grund stieg einem schon beim Öffnen der Flasche in die Nase. Der Chilibock vom Hopfengarten Bamberg verströmt sofort intensive Chilinoten, die aber nur ein Vorgeschmack sind, was da dann erst in Gaumen und Rachen los ist. Der Hopfengarten ist spezialisiert auf den Anbau von Hopfen und Chili und beides wurde hier recht gnadenlos ins Bier gebracht. Hopfen und weiche Malznoten sind gerade im Antrunk noch präsent, bevor die heftige Schärfe Feinheiten regelrecht niederwalzt. Ich mag Schärfe wirklich gern, aber das hier war mir wirklich einen Tick zu heftig. Aber da sind die Menschen ja wirklich extrem unterschiedlich aufgestellt. Das Bier hat im Tasting auf jeden Fall absolut polarisiert.

Bockbiere sind einfach perfekt für Tastings geeignet, da sie sowohl Einsteiger als auch anspruchsvolle Bierliebhaber gleichermaßen abholen und eine Vielfalt zeigen, die es in anderen Schubladen so oft nicht gibt. Die zwölf Biere in diesem Event waren wie ihre Schöpfer alle absolute Charakterköpfe, jedes für sich ein Unikat mit teilweise verrückten Geschmackserlebnissen. Hopfen scheint definitiv ein großes Thema zu sein, wobei ich immer noch ein großer Liebhaber der etwas schwereren, dunklen Böcke bin. Aber so ein “Stärk antrinken” würde ich mir wirklich einmal gerne vor Ort ansehen, ich hoffe, das wird bald wieder möglich sein.

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