Saar Winzer 2020 in Kanzem: Mehr als ein Ersatz für den Saarrieslingsommer!

Wir alle kennen die derzeitigen Bedingungen für Großveranstaltungen, und ich will das hier gar nicht weiter thematisieren. Ich freue mich einfach, dass im gegebenen Rahmen Veranstaltungen stattfinden und wir am vergangenen Samstag einen wunderschönen Tag in Kanzem mit tollen Weinen und herzlichen Gastgebern verbracht haben. Doch der Reihe nach.

Der beliebte SaarRieslingSommer, mit offenen Weingütern und Shuttlebussen, konnte aus verständlichen Gründen in dieser Form nicht stattfinden. Mit einer kompletten Absage wollten sich aber nicht alle zufriedengeben. So öffneten zahlreiche Weingüter im Rahmen der derzeit geltenden Regeln ihre Tore und empfingen Gäste. Nicht so viele wie sonst, aber es wurde das Beste aus der Situation gemacht und für die Besucher war es mehr als angenehm, die Weingüter in kleinem Rahmen zu besuchen, im Garten zu entspannen und kleine Verkostungen zu genießen. Uns zog es ganz in die Nähe nach Kanzem. Von Zuhause nur eine Viertelstunde mit dem Zug entfernt und mit drei Weingütern in fußläufiger Entfernung war es das ideale Pensum für einen absolut entspannten Samstag.

Wir starteten zeitig, was sich als sehr gute Idee entpuppt hat. Unser erster Stopp war das Weingut Von Othegraven, dessen wunderschönen englischen Garten wir schon von einem früheren Besuch kannten. Das Anwesen von TV-Legende Günther Jauch mit seinen riesigen und schattenspendenden Bäumen, einer großen Wiese im Zentrum und zahlreichen Sitzgelegenheiten ist einfach wunderschön. Es war noch nicht viel los, und wir setzten uns vor die Orangerie, um zum Start des Tages den feinherben VO-Riesling zu genießen. Angenehm leicht und spritzig, der die Stärken der Saarrieslinge bereits erahnen lässt. Und mit einer freundlichen Begrüßung durch den Hausherrn schmeckt der Wein gleich noch einmal so gut.

Für die zweite Station beim Weingut Cantzheim, nur wenige Hundert Meter von unserem Start entfernt, hatten wir im Vorfeld eine kommentierte Präsentation des 2019er-Jahrgangs gebucht, was sich als Volltreffer erweisen sollte. Der 2019er ist erst der vierte Jahrgang des von Anna und Stephan Reimann wiederbelebten Weinguts, wo Gäste neben einer Vinothek und einem Café den Aufenthalt in Gästezimmern genießen können. Das Ehepaar hatte im Jahr 2016 mit 2 Hektar angefangen, derzeit bewirtschaftet sie 7 ha, “weit mehr als wir uns am Anfang vorstellen konnten”, wie Anna Reimann lachend zugibt.

Mir sind berufliche Umwege ja immer sehr sympathisch, bei mir ist es ja nicht anders. Die Reimanns als Quereinsteiger in die Weinwelt zu bezeichnen, trifft es aber auch nicht. Kennengelernt haben sich beide beim Studium in Weihenstephan, wo sie als Gartenbauingenieurin und er mit einer Promotion über Pflanzenkrankheiten abschlossen. Danach gab es bei Anna einige Stationen im Bereich Weinbau und Weinvertrieb, darunter in der Region bei Markus Molitor und den Bischöflichen Weingütern in Trier. Stephan ließ sich derweil zum Winzermeister auf dem Weingut Schloss Lieser ausbilden. Ich muss an dieser Stelle stark kürzen, den faszinierenden Werdegang kann man aber hier etwas ausführlicher nachverfolgen.

Das unter Bewahrung des Alten modernisierte neue Weingut Cantzheim gefällt mir sehr gut. Der Garten lädt zum Verweilen ein, und die moderne Orangerie ist perfekt für Veranstaltungen geeignet und bietet auch unter den gegebenen Voraussetzungen genug Platz, ohne an Gemütlichkeit einzubüßen. Hier fand die Jahrgangspräsentation statt, die von Anna Reimann kurzweilig und unterhaltsam gestaltet wurde. Dazu gab es ein paar tolle Leckereien von der Rockterrine.

Der erste Wein war der Pinot Blanc, der mit intensivem Apfelaroma in der Nase gleich zu gefallen wusste, der dann am Gaumen aber eine erstaunlich frische Säure entfaltete. Mit dem Wawerner trocken und dem Kanzemer feinherb gab es in der Folge zwei der Ortsrieslinge aus verschiedenen, teilweise sehr steilen Lagen. Beeindruckt hat mich aber der vergleichsweise einfache, die Gärtnerin genannte feinherbe Gutsriesling, von Anna Reimann als “unser Brot und Butter Wein” bezeichnet. Und das ist nachvollziehbar, vereinigt er doch ein sehr angenehmes Süße-Säure-Spiel, wie es für die Saarrieslinge so typisch ist, mit einem leichten, erfrischenden Körper. Ein toller Sommerwein für jeden Tag mit moderater Säure und schönen Zitrusnoten.

Erwartungsgemäß deutlich komplexer präsentierten sich die Großen Lagen. Der trockene der Fuchs aus der gleichnamigen Steillage in Saarburg überzeugt mit sehr kräftiger und geradliniger Mineralität und subtiler Frucht. Der feinherbe Riesling vom Kanzemer Sonnenberg liefert ein kräftiges Aroma von eher roten Früchten, die Mineralität spielt hier gegenüber der Frucht eine etwas untergeordnete Rolle und erinnert so ein wenig an einen Moselriesling.

Mein wenig überraschender Favorit war der süßeste Wein des Tastings. Die Saarburger Fuchs Spätlese ist so jung schon so gut, eine spritzige Säure paart sich mit satter Steinfrucht, für mich ist das ein Paradebeispiel für eine Spätlese von der Saar.

Und wer in Weihenstephan studiert hat, kommt um das Thema Bier nicht ganz herum, die Reimanns sind dem Thema gegenüber durchaus aufgeschlossen. Tatsächlich gibt es eine historische Verbindung des Weinguts  zur Bruch-Dynastie und in Kanzem nun einen Ort außerhalb des Saarlands, wo man die Biere dieser etwas ins Schlingern geratenen Traditionsbrauerei genießen kann.

Zum Abschluss des Tages kehrten wir noch beim gut besuchten Weingut Johann Peter Mertes ein. Mitten im Ort gelegen ist es auf Radtouristen ausgelegt und hatte die Wein & Bike Garagenbar geöffnet. Wir probierten uns einmal quer durch das Segment, wobei wir die trockenen Rieslinge diesmal ausließen. Dafür hatten wir schon zuviel Süßes getrunken. Die Weine wussten durchaus zu gefallen, auch wenn sie nicht ganz so filigran daherkamen wie die vorangegangenen. Aber die Qualität der Saarrieslinge ist so hoch, dass man hier bedenkenlos zugreifen und durch die Bank hochklassige Weine probieren kann. Wir haben den Tag in Kanzem auf jeden Fall mit vollen Zügen genossen!

2 Kommentare zu "Saar Winzer 2020 in Kanzem: Mehr als ein Ersatz für den Saarrieslingsommer!"

  1. Das liest sich so schön flüssig, wie der Wein die”Gurgel” runterrinnt 🙂 Diese Tour werden wir auch mal angehen!

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