Kreativsude nach dem Natürlichkeitsgebot

Diskutiert man angeregt über Sinn und Unsinn des Reinheitsgebots, wird häufig die Idee eines Natürlichkeitsgebots ins Spiel gebracht. Die nicht nur negativen Effekte der bestehenden Regelung könnten dahingehend ergänzt werden, dass auch das Brauen mit anderen natürlichen Zutaten erlaubt werden würde. Ins Spiel gebracht hat diesen Vorschlag der Verein Deutsche Kreativbrauer e. V., der unter dem Titel “Kreativsud” mittlerweile drei eigene, selbstverständlich nach dem Natürlichkeitsgebot gebraute Spezialitäten auf den Markt gebracht hat. Ich konnte nun die Biere #2 und #3 verkosten (Sud #1, ein untergäriges (!) Weizenbier, habe ich leider verpasst).

Gekauft habe ich Sud #2 im Februar 2020 im Hopfen + Malz in Aachen, Sud #3 im Mai 2020 im Der Getränke Spezialist in Koblenz.

Kreativsude

Der Verein Deutsche Kreativbrauer e.V.

Der Verein versteht sich als “Interessenvertretung für alle, die Durst auf Vielfalt haben.” Gegründet wurde er unter dem Motto “Natürlich geht mehr” Ende Januar 2016 und allein die Liste der Gründungsmitglieder liest sich wie ein Who is Who der deutschen Kreativbierszene: Kehrwieder, Mashsee, Heidenpeters, Hanscraft, Überquell, Pax Bräu, um nur einige zu nennen (die Mitgliederliste gibt es hier). Die Mitglieder verpflichten sich, ausschließlich natürliche Zutaten zu nutzen, erlaubt sind somit jenseits des Reinheitsgebotes Früchte, Kräuter oder Gewürze. Nicht verwendet werden dürfen dagegen alle künstlichen Hilfsmittel und Extrakte. Kreativität und Natürlichkeit sind Dinge, die man auch in den gemeinsam gebrauten Bieren wiederfindet.

Kreativsud #3

Sud #2: Besonderes Starkbier gebraut mit Kümmel, Wacholder und Salz

Kreativsud #2Gebraut wurde das zweite offizielle Bier des Vereins im Kommunbrauhaus Unterweißenbrunn im September 2018. Es nimmt Bezug auf die Bayerische Landesverordnung von 1616, in der Kümmel, Wacholder und Salz explizit erlaubt wurden. Außerdem wurde eine historische Spiegel- und Chevalliergerste eingesetzt, denn die Verwendung von alten Malzvarianten war Voraussetzung zur Teilnahme an einem Wettbewerb im Rahmen der Braubeviale 2018 in Nürnberg, wo man am Ende unter den drei Siegerbieren landete.

Kreativsud #3Optisch präsentiert sich das kupferfarbene Bier ansprechend. Die Nase ist (vielleicht heuschnupfenbedingt) eher dezent mit leicht brotigen und rauchigen Aromen. Der Rauch ist dann auch das, was die Aufmerksamkeit als erstes in Beschlag nimmt, ohne allerdings ins Extreme zu gehen. Kümmel und Wacholder sind dezent, aber durchaus präsent, vor allem im Abgang ist die Würzigkeit zusammen mit einer schönen Hopfenbitterkeit noch lange spürbar. Das Mundgefühl ist angenehm vollmundig, für mich durchaus ein Bier, von dem man gerne noch eine zweite Flasche öffnen würde.

Sud #3: Untergärige Gose, gebraut mit Blutorangensaft, Orangenschalen, Koriandersamen, Salz und Joghurt

Schon am Deckel erkennt man es, gebraut wurde der dritte Kreativsud bei Thorsten Schoppe in Berlin. Für die Zusammenstellung der Zutaten ging man diesmal neue Wege und ließ im Internet abstimmen. Da ich fruchtige Gosen mag, freute ich mich über den Sieg der Blutorange, die im Finale Heidelbeere und Limette aus dem Weg räumen konnte. Mit 5,0 % Vol. durchaus üppig bemessen, war ich gespannt, wie diese spannende Mischung sich präsentieren würde.

Kreativsud #2Kaum offen drängelt sich die Gose recht ungestüm aus der Flasche. In der Nase sind vor allem Zitrusaromen präsent, die später dann durch eine wirklich angenehme Orangennote ergänzt werden. Verwendet wurden handgepresste Blutorangen, die Milchsäure kam über einen handelsüblichen Joghurt aus dem Supermarkt in den Sud. Für den körperbewussten Bierfreund wurde darauf geachtet, mit 0,1 % eine niedrige Fettstufe zu verwenden. Koriandersamen schmecke ich kaum heraus, das gosentypische Salz ist aber präsent und sorgt für eine belebende Frische. Ein wirklich rundes Bier mit schöner, aber keinesfalls überladener Fruchtigkeit.

Auf meinen Verkostungen betone ich eigentlich immer die Stärken, aber eben auch die Schwächen des Reinheitsgebots. Entscheidendes Manko für mich ist, dass natürliche und teilweise historische Zutaten verboten sind, während die Kompromissbereitschaft bei künstlichen Zusatzstoffen deutlich größer ist. Angesichts der Reputation der Mitglieder ist mir die Stimme des Vereins insgesamt etwas zu leise, ich finde hier könnte mit der notwendigen Geschlossenheit deutlich mehr Öffentlichkeit erreicht werden. Aber die Prioritäten liegen derzeit natürlich berechtigterweise woanders, hoffen wir einmal, dass die Mitglieder es unbeschadet durch die Krise schaffen.

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