Kraft Bräu: Ein TASTEival unter Freunden

Es sind besondere Zeiten und lange hat man sich im Blesius Garten in Trier-Olewig den Kopf darüber zerbrochen, in welcher Form das 7. Trierer Bierfestival von Kraft Bräu stattfinden könnte. Nach den beiden Tagen am vergangenen Wochenende ist klar, dass sich alle Mühen gelohnt haben. “TASTEival statt Festival” hieß das Konzept; in vier gut dreistündigen Tastingsessions präsentierten sich insgesamt zehn Brauereien den Besucherinnen und Besuchern, die im Vorfeld in unterschiedlich großen Gruppen Tische reservieren konnten.

TASTEival statt Festival Trier 2020

Der Aufwand für die Veranstalter war enorm. Nicht nur musste schon lange im Vorfeld und trotz des deutlich reduzierten Besucheraufkommens die von den Festivals bekannte Holzüberdachung aufgebaut werden, die Gäste selbst durften sich nicht von Stand zu Stand bewegen wie bisher, sondern es gab Tischservice. Nach kurzen Startschwierigkeiten mit der Zapfanlage spielte sich das Ausschenken schnell ein, das Serviceteam des Blesius Gartens machte etliche Extrakilometer und einen fantastischen Job.

Nur zehn der schon aus den Vorjahren bekannten Brauereien konnten ausgewählt werden, wodurch es von den Organisatoren einige schmerzhafte Entscheidungen zu treffen gab. Das Festival versteht sich als Familientreffen, was sich dann auch daran zeigte, dass befreundete Brauereien und Freunde anreisten, ohne sich selbst auf dem Festival präsentieren zu können.

Ein Festival mit vielen Regeln

Die Brauereien wurden auf einer kleinen Bühne von Sebastian Nguyen und Hausherr Klaus Tonkaboni vorgestellt. Als Verstärkung hatten sie sich Nikola Weiler vom Craftprotz und mich ins Boot geholt. Für mich war dies eine große Ehre, und ich habe das Event sehr gerne unterstützt. In jeder Session wurde schließlich ein Sieger gekürt, dabei hat der ein oder andere durchaus zu etwas unlauteren Mitteln gegriffen, dazu gleich mehr.

In der Begrüßung wurde von den Gastgebern klar gemacht, dass man bei der Einhaltung der derzeit bestehenden Corona-Regeln keine Kompromisse machen und dies sehr ernst nehmen würde. Die Besucher in allen Sessions verhielten sich dabei absolut vorbildlich. Es war schön zu sehen, dass derartige Veranstaltungen auch in etwas größerem Rahmen (an den Abenden war die Veranstaltung mit immerhin bis zu 170 Besuchern jeweils ausverkauft) verantwortungsvoll ausgerichtet werden können. Trotz der durchaus gemütlichen Holzkonstruktion wurde den Besuchern vor allem an den Rändern schnell klar, dass es sich um einen Open-Air-Event im Herbst handelte, es war teilweise empfindlich kalt. Ich war beeindruckt, dass die Gäste bis zum Ende eingehüllt in dicke Decken durchgehalten haben. Respekt!

Biervielfalt pur: Die Brauereien und ihre Biere

TASTEival statt Festival Trier 2020 Camba Bavaria

Familientreffen, hier mit Barbara Egle (Camba Bavaria)

Hier wird es nun etwas ausführlicher, aber es ist mir wichtig, allen vertretenen Brauereien, die den Weg nach Trier gerne auf sich genommen haben, hier mit ihren Bieren zumindest einen kleinen Raum geben zu können. Kraft Bräu selbst eröffnete den Abend mit einem Klassiker. In diesem schwierigen Jahr konnte man zum ersten Mal kein eigenes Bier fürs Festival vorbereiten, das beliebte Seb’s Pale Ale kam aber als Appetitanreger bestens an. Erst vor wenigen Wochen präsentierte sich die Camba Bavaria aus Seeon am Chiemsee in einem Tasting dem Trierer Publikum, auf besonderen Wunsch von Sebastian hatten die Bayern wieder die hopfige Jager Weisse im Gepäck. Barbara Egle und Lars Kühne betonten das besonders enge Verhältnis zwischen den beiden Brauereien, aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass Gäste aus Trier in Seeon besonders herzlich willkommen geheißen werden.

Cusanus Bräu aus Bernkastel-Kues waren zwar noch nie beim Festival dabei, dahinter verbergen sich aber maßgeblich zwei in Trier sehr bekannte Gesichter. Seit einigen Monaten ist dort Henrik Stöppler als Brauer tätig, der in der Region als Kopf hinter den Bieren des Brauhaus Zils bekannt wurde, das es ja seit einiger Zeit leider nicht mehr gibt. Aber da “Henne” aus beruflichen Gründen in den letzten Wochen nicht an der Mosel sein konnte, hat er sich mit Robert Russell Verstärkung am Braukessel organisiert. Robert, den man aus dem Hop Shop und dem Craftprotz kennt, durfte ich in einem kurzweiligen Gespräch über seine ersten selbstständigen Gehversuche auf einer großen Anlage befragen, sein leichtes Witbier Witfried eroberte am Ende tatsächlich einen der begehrten goldenen Pitcher.

TASTEival statt Festival Trier 2020

Im Gespräch mit Julian Bach

Im Anschluss hatte ich die große Freude, mit Julian Bach von Bach’s Braumanufaktur zu sprechen, der auch schon zum vierten Mal am Start war. Mitgebracht hatte er Bach’s dunklen Bock, der für mich aufgrund seiner wunderbaren Ausgewogenheit das beste Bier des Festivals war und der zum Schluss absolut verdient einen Preis mit ins Saarland nehmen konnte.

Hiernach gönnte ich mir eine kleine Pause und überließ dem Craftprotz die Bühne, der Patricia und Sergio von Totenhopfen vorstellen durfte. Sie hatten ein juicy New England Pale Ale mitgebracht; der Daily Nectar war saftig und leicht und ermunterte sicherlich den ein oder anderen Besucher, einmal ein modernes, stark gehopftes Bier zu probieren. Aber die Schraube wurde nun kontinuierlich weitergedreht und die Aromen immer intensiver.

Michael Hay von Kuehn Kunz Rosen aus Mainz hatte die Pink Revenge dabei, ein Bier sicherlich weit jenseits des gewohnten Geschmackshorizonts klassischer Bierstile. Gebraut mit Orangenschalen, Paradieskörnern, Hibiskus- und Malvenblüten wirkte es dennoch nicht überladen, sondern rund, weich und floral. Ein sehr schönes Bier, selbst für jemanden wie mich, der nicht zu den größten Hibiskusfans unter dieser Sonne gehört.

Jan Niewodniczanski, Geschäftsführer der Bitburger Braugruppe, steht bereits seit vielen Jahren beim Festival an den Zapfhähnen des Craftwerks. Diesmal stellte er allerdings aus gutem Grund ein Bier unter dem großen Label vor. Der Bitburger Winterbock, gebraut mit Callista Hopfen, kam im Vorjahr schon sehr gut an und findet nun rechtzeitig zur Bockbierzeit eine Neuauflage. Das Publikum belohnte den hellen Bock mit einem Pitcher.

Zur Nachmittagssitzung am Samstag kam Jan dann gerade noch rechtzeitig zu seinem Auftritt, denn den Vormittag hatte er mit ÜberQuell-Gründer Axel Ohm surfend auf der Mosel verbracht. Verrückter Kerl. Mit Klaus Tonkaboni unterhielt er sich sehr ernsthaft über die schwierige Lage der Branche in Corona-Zeiten und appellierte an die Unterstützung der Verbraucher für Gastronomie und Brauwirtschaft. Da braucht er bei den Gästen des TASTEivals wohl keine Sorgen zu haben.

TASTEival statt Festival Trier 2020 Bitburger

Klaus Tonkaboni (rechts) im Gespräch mit Bitburger-Geschäftsführer Jan Niewodniczanski

Axel Ohm selbst hatte ein paar Minuten mehr Zeit sich aufzuwärmen. Der Hamburger hatte das ÜberQuell World White IPA im Gepäck, eine Art Hybrid aus Weizenbier und IPA. Mich überzeugte die intensive Kokosnote, das war für mich eines der spannendsten Biere des Events.

Danach durfte ich wieder auf die Bühne und eine Brauerei präsentieren, auf die ich mich ungemein gefreut hatte. Das Atelier der Braukünste aus Romrod in Hessen hatte mich schon auf dem Festival im letzten Jahr vollends überzeugt und seitdem mitten in der Krise eine enorme Produktivität an den Tag gelegt. Gemeinsam mit den Freunden von Blech.Brut aus Bamberg hat sich das Atelier eine Dosenabfüllanlage gegönnt, die seitdem offenbar ohne Unterbrechung erlesene Brauspezialitäten auswirft, darunter viele exquisite India Pale Ales. Nico Döring hatte mit dem Artbreak in kräftiges Double New England IPA mitgebracht, das zur aktuellen Sommerblau-Serie gehört. Konzept und Artwork sind dem Atelier enorm wichtig, Nico erläuterte außerdem ausführlich die Vorzüge der Dose, gerade für stark gehopfte Biere. Auch das Atelier konnte am Ende einen goldenen Pitcher mit nach Hause nehmen.

TASTEival statt Festival Trier 2020 Blesius Garten

Die überragenden Servicekräfte vom Blesius Garten hatten alle Hände voll zu tun

Den krönenden Abschluss feierte das TASTEival mit einem besonderen Bier. Julia Wesseloh von der Kehrwieder Kreativbrauerei aus Hamburg hatte das Nottingham mitgebracht, einen intensiven, aber gleichzeitig sehr harmonischen Barley Wine. Für manche im Publikum waren das nach gut drei Stunden vielleicht ein paar Aromen (und Prozente) zuviel, mich hat das Bier aber enorm beeindruckt. Ein würdiger Höhepunkt eines abwechslungsreichen Tastings.

Aber Moment, einige dürften einen Namen in der Liste vermisst haben. Das Brauhaus Riegele gehört zu den Gründungsvätern des Festivals, mit der Verkaufsgranate Steffen Broy haben die Augsburger das Festival sehr stark geprägt. Leider konnte Riegele diesmal nicht dabei sein, aber so ganz wollte man dann aber doch nicht außen vor bleiben. Die Besucher am Freitag hatten das besondere Glück, mit Markus Quadt aus der Alten Posthalterei in Lingen einen genialen Vertreter für Steffen geboten zu bekommen. Markus legte sich extrem ins Zeug, einen Pitcher nach Lingen, respektive Augsburg zu holen, was ihm am Ende eindrucksvoll gelang. Was für eine Rampensau, der Mann ist nicht umsonst inoffizieller Weltrekordhalter für Onlinetastings. Und die üppige Ausgabe von Freibier aus Augsburg mag den ein oder anderen Besucher dann doch zur Stimmabgabe gedrängt haben…

Ein paar persönliche Worte zum Abschluss

Ich ziehe meinen Hut vor der Entschlossenheit, mit der die Familie Tonkaboni, Seb Nguyen und das ganze Team im Blesius Garten und bei Kraft Bräu alles dafür getan haben, das Festival den treuen Besuchern auch in diesen Zeiten nicht vorzuenthalten und es auf jeden Fall im Rahmen der Regeln durchzuführen. Ich bin stolz, dass ich mit einigen anderen von Beginn an in die Planungen eingebunden war, in denen viele Konzepte durchdacht, verworfen und angepasst wurden. Es rührt mich zu sehen, wie sehr die Brauereien hinter dem Trierer Festival stehen, das nicht zu Unrecht als eines der schönsten und familiärsten in Deutschland gilt. Ich drücke allen Beteiligten, Veranstaltern, Brauereien, der Gastronomie alle verfügbaren Daumen, dass sich alles zum Guten wendet und wir im nächsten Jahr wieder mit allen Freunden von Kraft Bräu im Blesius Garten feiern können.

Fotos: Lenka Tonkaboni, Melanie Schütz und ich

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