Digitale Bierwelt: Wenn das Virtuelle zur neuen Normalität wird

Die Biercommunity hat sich schon immer durch Kreativität ausgezeichnet. Und dass dies nicht nur zu Mango-Lassi-Gosen und Blaubeerkuchen-Stouts führt, zeigen die Reaktionen auf die aktuelle Situation, die für viele Betriebe existenzbedrohende Auswirkungen hat. Lösungen sind gefragt und der Weg ins Digitale zeigt, wie solidarisch die Szene ist und wie eng man in der Krise zusammenrückt.

Digital Tasting

Neue Distributionswege

Nachdem die Gastronomie als Abnehmer für die Biere seit Wochen komplett ausfällt, müssen viele Brauereien neue Vertriebswege finden, über einige habe ich bereits vor einigen Wochen geschrieben. Die Zahl der Brauereien, die für ihre Biere nun Onlineshops und Versand anbieten, ist extrem angestiegen. Für Bierfreunde ist diese Zeit fast schon paradiesisch, da viele Biere, die sonst nur vor Ort zu bekommen sind, nun frei Haus geliefert werden.

Ein ganz besonderes Highlight war zum Beispiel das Ungespundete der Brauerei Spezial aus Bamberg. Dieses Bier ist normalerweise nur an wenigen ausgesuchten Stellen in Bamberg vom Fass zu bekommen und wird gar nicht erst in Flaschen abgefüllt. Doch genau dies wurde jetzt als große Ausnahme gemacht, damit die Bierfreunde nicht auf das begehrte Bier verzichten müssen. Und ein Karton hat sogar den Weg zu mir nach Trier gefunden. Fränkische Biere allgemein sind in dieser Region sowieso schwer zu bekommen. Abhilfe könnte hier der gerade entstehende “Biershop Franken” schaffen, mehr dazu aber in Kürze.

Virtuelle Bars

Viele Gastronomiebetriebe leiden besonders unter der Situation, da das Besuchsverbot ihnen nahezu komplett die Existenzgrundlage entzieht. Zahlreiche Restaurants bieten mittlerweile Liefer- und/oder Abholservice an, die Craftprotz Kreativbierbar in Trier wurde zum Bottleshop umgerüstet. Vielen fehlt aber der soziale Kontakt, denn Bars und Restaurants haben eine wichtige gesellschaftliche Funktion.

Digitale Bierverkostungen im Craftprotz

Recht früh entwickelten sich kleine und große Bierverkostungsrunden im Netz und auch ich bin nun schon seit einigen Wochen regelmäßig Teil des Teams, das für den Craftprotz online Biere vorstellen darf. Bis zu 150 Menschen hören uns dabei zu, wie wir über Biere fachsimpeln, diskutieren und manchmal streiten, wobei die Zuschauer aktiv in die Diskussion eingreifen können.

Zum Tag des Deutschen Bieres am letzten Donnerstag gab es ein kleines Spezialtasting zum Thema “Reinheitsgebot vs. Natürlichkeitsgebot“, in dem sechs Biere probiert wurden, darunter das Früh Kölsch als Blindbier, ein eigens für die Digital Tastings gebrauter Maibock und die “Mutter aller Tripel” aus Westmalle. Das am emotionalsten diskutierte Bier war das Weizenbier von Cusanus Bräu (Bernkastel-Kues). An diesem Beispiel wurde die besondere Rolle der Weizenbiere rund um das Reinheitsgebot vorgestellt. Die anschließende Diskussion stellte die Frage nach der Qualität, die letztendlich das zentrale Kriterium ist, denn das Bier belegte in der abschließenden Bewertung abgeschlagen den letzten Platz. Sieger des Abends wurde das Double Barrel Ale von Firestone Walker.

Zum Thema “Natürlichkeitsgebot” wurde Kolja Gigla von der Mashsee Brauerei aus Hannover zugeschaltet. Kolja gehört zu den Gründungsmitgliedern des “Deutsche Kreativbrauer e.V.“, die seit Jahren zwar nicht für eine Abschaffung des Reinheitsgebots, aber für eine Erweiterung kämpfen. Außerdem hatte er mit “Uroma Lene” sein Lebkuchenbier dabei, das er schon beim allerersten Tap-Takeover im Craftprotz an den Hahn gebracht hatte.

Die nächsten Tastings sind am Maifeiertag und in einer englischen Version am 2. Mai, jeweils um 19.30 Uhr (Anmeldung unter info@craftprotz.de). Auch der lokale Trierische Volksfreund hat bereits über die Tastings berichtet.

Cambapizza

Familientreffen bei der Camba Bavaria

Spätestens seit dem Trierer Bierfestival im Oktober 2019 sind die Verbindungen der Camba Bavaria Brauerei aus Seeon am Chiemsee nach Trier noch einmal enger geworden. Man besucht sich (hoffentlich bald wieder) in schöner Regelmäßigkeit gegenseitig und die Biere sind in der Region gut verfügbar. Daher ist es selbstverständlich, dass eine starke Trierer Fraktion rund um Kraft Bräu, Craftwerk und Craftprotz an den seit einigen Wochen immer mittwochs stattfindenden Onlinetastings teilnimmt. Auch ich bin seit Beginn am Start, und es ist wie immer schön, die Brauer hinter den Bieren kennenzulernen. Präsentiert werden ausschließlich eigene Biere und Kollaborationen mit anderen Brauereien wie Samual Adams und Fat Head aus den USA. Die Biere können online bestellt werden und mein Paket war einen Tag nach der Bestellung da.

Und die Festivals?

Wer mich kennt, kann erahnen, wie sehr mir das Reisen zu den vielen internationalen Bierfestivals derzeit fehlt. Bei jedem der Festivals, sei es das Arrogant Sour in Italien, die Budapest Beer Week, die Berlin Beer Week und viele mehr, haben sich Freundschaften entwickelt, und mir fehlt die internationale Gemeinschaft von Gleichgesinnten enorm. Mir ist natürlich klar, dass ein Bierfestival für die Verbreitung des Virus perfekte Bedingungen böte, und wir deshalb wohl noch länger auf diese Events verzichten müssen. Aber irgendwie hoffe ich immer noch, dass Veranstaltungen wie das Billies in Antwerpen Mitte November und vor allem das Trierer Bierfestival im Oktober in irgendeiner Form stattfinden können.

Andy BCBF

© Billies Craft Beer Festival

Aber zum Thema “aus der Not eine Tugend machen”, hat sich auch der Kraftpaule aus Stuttgart seine Gedanken gemacht und das “1. Online Craft Beer Festival” der Welt entwickelt. Vom 21. bis 23. Mai präsentieren sich an drei Tagen 20 nationale und internationale Brauereien. Um teilzunehmen, kann man sich drei Themenboxen mit jeweils zwölf Bieren nach Hause schicken lassen, um diese dann zusammen mit den Brauereien online zu verkosten. Dabei sind erstklassige Brauerein wie Fuerst Wiacek und Schneeeule aus Berlin, Sudden Death vom Timmendorfer Strand, Flügge aus Frankfurt, einige fränkische und bayerische Dauerbrenner und internationale Spitzenbrauereien wie Lervig (Norwegen), Pöhjala (Estland), Firestone Walker und Stone Brewing (USA), Brewdog (Schottland) und Porterhouse (Irland). Dazu gibt es noch ein Rahmenprogramm mit Musik und Entertainment.

Alle Infos und das Programm gibt es auf Facebook und auf der Festival-Webseite.

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